dradio: „Die Anfänge der Religionspsychologie“

Relevanz: Anatomie des religiösen Erlebens.

Buddhismus ist heute eine Religion der Verinnerlichung, einer Wendung nach innen, um dort die eigentliche Erfahrung zu machen. Das ist ein typischer Aspekt des Buddhismus im Westen. Diese Wendung nach innen, das religiöse Erleben als private Erfahrung, hat allerdings eine Geschichte die im Westen mit der Entwicklung des Protestantismus verbunden ist. Dieser Aspekt der Verinnerlichung steht im Kontrast zum Katholizismus. Die religiöse Erfahrung, “das Gespräch mit Gott“, wird im Protestantismus dem Individuum zugänglich. Die katholische Kirche lies das nicht zu. Der westliche populäre Buddhismus verschaft der privaten Religiosität eine Renaissance seit den 1970er Jahren.

Inhalt und Bezug zum Buddhismus: In Die Anfänge der Religionspsychologie des Deutschlandfunks werden drei Forscher portraitiert, die den Aspekt privater Religiosität in jeweils charakteristischer Weise im 19. bzw. frühen 20. Jhdt. erforschten – William James, Rudolf Otto und Karl Girgensohn.

William James

William James gilt als einer der Begründer des Pragmatismus, einer Philosophie, für die Wahrheit nicht in der Übereinstimmung einer Aussage mit der Wirklichkeit besteht, sondern vielmehr darin, dass ein Gedanke oder eine Aussage wahr ist, wenn sie nützlich für das menschliche Handeln ist. Wahr aus Sicht des Pragmatismus ist, was funktioniert. Für die Religion bedeutet das:

„Der Pragmatismus erweitert das Gebiet, auf dem man Gott suchen kann. … Der Pragmatismus ist zu allem bereit, er folgt der Logik oder den Sinnen und lässt auch die bescheidenste und persönlichste Erfahrung gelten. Er würde auch mystische Erfahrungen gelten lassen, wenn sie praktische Folgen hätten.“

Der Buddhismus heute ist in weiten Bereichen von dieser Haltung geprägt. Dieser Pragmatismus ist ein, wenn nicht dass Charakteristikum des postmodernen Buddhismus. Man könnte sagen, James‘ religiöser Pragmatismus findet erst in diesem Buddhismus einen wirklich populären Ausdruck und er ermöglicht eine Hinwendung zum religiösen Erleben ohne dass es, wie in der Amtskirche, muffig und miefig erscheint.  Religion als Buddhismus  c’est très chic.

Rudolf Otto

Rudolf Otto entwickelt insbesondere eine Theorie der Gefühle. James hatte religiöse Empfindungen als private, subjektive und ernsthafte Gefühle beschrieben, die keinen Erkenntniswert haben, sich aber auf die praktische Lebensführung des jeweiligen Individuums auswirken. Otto entwickelt nun eine Differenzierung dieses privaten religiösen Erlebens. Dabei wird „das Numinose“ zum Schlüsselbegriff.

Mit dem Numinosen bezeichnet er die Erfahrung mit dem ganz Anderen, dem Göttlichen, dem Letztendlichen, das sich jeder Begrifflichkeit und jedem Erkennen entzieht. Das Numinose, so Otto, ist der eigentliche Kern aller Religionder nicht in ihren jeweiligen Lehren liegt, sondern im emotionalen Bezug auf das Numinose.

Im Numinosen liegt das Irrationale, das sowohl bedrohlich und erschreckend als auch faszinierend und anziehend ist. Dieses Irrationale ist für Otto der Ursprung aller Religion. Die Geschichte der Religion ist dabei für Otto eine Rationalisierung des Irrationalen. Das Irrationale verschwindet dabei niemals vollständig – im Gegenteil es ist der Kern allen Religiösen.

Wir sehen hier einen Gedanken angelegt, der für den westlichen Buddhismus von großer Wichtigkeit ist: Es gibt eine Innerlichkeit, deren Entwicklung, Erforschung und Differenzierung es ermöglicht eine individuelle religiöse Erfahrung zu machen, die aber auch über den einzelnen hinaus weist. Es ist sozusagen ein Weg nach innen der hinaus in das Eigentliche und letzthin endgültige führt. Das erleben des Numinosen, das Eintauchen in den Ursprung, das Gefühl das Wesentliche zu erfahren, die Unbeschreiblichkeit eines letztgültigen Aufgehoben seins, sind wichtige Merkmale eines westlichen Buddhismus. Allerdings zeigt das, dass der westliche Buddhismus keineswegs eine reine Übertragung eines Buddhismus aus dem Osten ist, sondern dass er (auch) in einer ‚Übertragungslinie‘ des Christentums steht: Der Ursprungsgedanke existiert im Buddhismus eines Nagarjuna nicht!

Karl Girgensohn

Karl Girgensohn. Er setzt Religion ebenfalls mit einer subjektiven Seite des religiösen Erlebens gleich und öffnet diese mit seiner Forschungsvariante den Methoden der empirischen Psychologie. Girgensohns experimentelles Verfahren besteht im Wesentlichen darin, Versuchspersonen nach der Lektüre religiöser Gedichte zu ihren Empfindungen und inneren Erlebnissen zu befragen. Wichtig ist dabei für ihn vor allem das Körperempfinden da es für die Intensität von Gefühlen verantwortlich ist. Er versucht dabei zu verstehen wie Gefühle zu Gedanken werden.

Girgensohn hat die Anatomie religiösen Erlebens in einer bis dahin nicht gekannten Genauigkeit untersucht. Seine Überlegungen zum gedanklichen Gehalt von Emotionen und der Rolle der Funktionen des Ichs nehmen vieles voraus, was heutzutage in der Forschung diskutiert wird.

Damit kann er dem heutigen Buddhismus in vielen Bereichen Vorbild sein wenn es darum geht, religiöses Erleben frei von  dogmatischen Zwängen und vor allem differenziert zu beschreiben.

Fazit: James, Otto und Girgensohn bereiten in drei Punkten ein besseres Verständnis religiöser Erfahrung vor. James ermöglicht mit seinem Pragmatismus einen Zugang zur religiösen Erfahrung ohne dogmatische Zwänge. Otto bereitet eine differenzierte Betrachtung von religiösen Gefühlen vor. Girgensohn beginnt mit einer Erforschung des Übergangs von Gefühlen zu Gedanken. Alle drei betrachten religiöse Erfahrung als eine individuelle, innere, private Erfahrung und sind damit auch Vorläufer des westlichen Buddhismus wie er sich besonders seit den 1970er Jahren entwickelt.

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Alle drei Sendungen sind als Text und Podcast zu haben.

=> Die Anfänge der Religionspsychologie

Die Portraits sind Links zu den jeweiligen Wikipediaartikeln.

Vgl. auch meinen Text Der Zaubererder sich mit dem religiösen Empfinden einer überweltlichen Macht im „Charismatischen Führer“ (Max Weber) aus Evolutionspsychologischer Perspektive befasst.     

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Ein Gedanke zu „dradio: „Die Anfänge der Religionspsychologie“

  1. Richard K. Payne bemerkt zum Stichwort „Religionspsychologie“ und zum Komplex Buddhismus und Religion, daß die behandelten Autoren eine deutlich christliche Tendenz in ihren Annahmen über die Natur von Religion aufwiesen. Dies sei besonders bei den hier behandelten Themen deutlich. Er verweist auf den bekanntermaßen religiösen Hintergrund (Spiritismus u.ä.) James‘, Otto sei primär Theologe gewesen, obwohl sein Werk als psychologisch angesehen werde (d.h. Theologie hat eine psychologische Basis) und Girgensohn war Professor für systematische Theologie in Leipzig. Ihre Arbeiten sollten deshalb evtl. beser als „Psychologische Theologie“ bezeichnet werden, statt als Religionspsychologie.

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