„Zen hat keine Moral!“

“Zen Has No Morals!” – The Latent Potential for Corruption and Abuse in
Zen Buddhism, as Exemplified by Two Recent Cases

by Christopher Hamacher

Übersetzung: „Zen hat keine Moral!“ – Die latente Anfälligkeit des Zenbuddhismus für Korruption und Mißbrauch am Beispiel zweier jüngerer Fälle

Es handelt sich um eine ausführliche Studie des Deutschen Christopher Hamacher der in München lebt und Zen praktiziert. Die Studie wurde kürzlich, am 7.7.2012, bei der jährlichen Konferenz der International Cultic Studies Association in Montreal vorgestellt.

Die Studie geht detailliert auf die Missbrauchspraktiken von Eido T. Shimano und Dr. Klaus Zernickow ein.

Shimano konnte in den USA gut fünfzig Jahre seinem Treiben als ‚Zenlehrer‘ nachgehen, obwohl bekannt war, daß es durch ihn immer wieder zu Missbrauchsfällen kam. Zu seinem Fall findet sich auch einiges Material hier, siehe auch die Links am untere Ende der Seite.

Dr. Klaus Zernickow (Sōtetsu Yūzen) unterhält „Mumon-Kai“, die „Erste Berliner Zen-Gemeinschaft e. V.“ in Berlin Frohnau => Link. Zernickow wird in der Studie von Hamacher ein außerordentlich „autoritärer  und kontrollierender“ Führungsstil bescheinigt. Übertretungen der Studenten werden z.B. mit hohen Geldbusen geahndet. In mindestens 12 Fällen werden im sexuelle Verhältnisse zu Schülerinnen vorgeworfen. Auf Grund der Vorwürfe ist Mumon-Kai die erste Zen-Gruppe die von einer Liste empfohlener Praxisgruppen der DBU (Deutsche Buddhistische Union) gestrichen wurde.

Neben einer detaillierten Beschreibung der beiden Fälle, enthält die Studie auch eine Analyse der typischen Verhaltensweisen autoritärer Führer im religiösen Bereich. Interessant auch die Behandlung typischer Verhaltensweisen im Zen die autoritäre Strukturen fördern.

Auf dieser Seite findet sich eine englische Zusammenfassung des Papiers. Ausserdem eine Liste der typischen autoritären Verhaltensweisen.

Die Studie ist ein wichtiges Element der Aufklärung bzgl. Missbrauchsstrukturen im Buddhismus. Sie sollte unbedingt genau gelesen und auf deutsch ausführlich dargestellt werden (wozu ich keine Zeit habe).

Ausserdem könnte aus den Warnzeichen für autoritäres Verhalten in dieser Studie, aus den Werkzeugen der Kritik die ich gestern vorstellte und aus den Elementen des Glaubens Säkularer Buddhisten eine Tafel von Elementen erstellt werden, die Hinweise geben auf Missbrauch der sich als Buddhismus verkleidet.

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Werkzeuge der Kritik

Relevanz: Begriffswerkzeuge zur Untersuchung buddhistischer Aussagen auf ihr bedingtes Entstehen hin.

Inhalt: Richard K. Payne  ist u.a. Dekan am Institut für  Buddhistische Studien Japans am Institut für Buddhistische Studien Berkeley. In seinem Blogeintrag Pedagogic reflections: critical tools gibt er eine Liste von Werkzeugen für kritisches Denken nicht nur aber auch über den Buddhismus. Die Begriffe eignen sich dazu, den Hintergrund einer Argumentation und damit die Basis auf der sie aufgebaut ist besser zu verstehen. Das kann unter Umständen zur Erkenntnis führen, daß eine gegebene Argumentation nicht die Gültigkeit hat die ihre zunächst zugesprochen wird. Payne sagt in diesem Zusammenhang, daß „kritisches Denken als ein Art mentales Yoga gesehen werden kann – das Erlernen der Fähigkeit bewusste Kontrolle über den Prozess des Denkens zu übernehmen.“

Seine Begriffswerkzeuge sind die folgenden:

  1. Die Autorität der Herkunft: Im Buddhismus wird das am Beispiel des Palikanons sichtbar. Er wird oft als diejenige Quelle betrachtet die den Buddhismus am ‚originalsten‘ repräsentiert. Bei näherer Untersuchung stellt sich jedoch heraus, daß im Palikanon ganz verschiedene Erzählungen über den Buddha und den Buddhismus gelesen werden können. Der Verweis auf die „Autorität der Herkunft“ ist also unter Umständen ein Mittel der Reduktion um in der Vielzahl der Interpretationsmöglichkeiten zu einer einfachen Lösung zu kommen.
  2. Den Insider privilegieren: Eine Interpretation wird nur deshalb vorgezogen, weil derjenige der sie ausspricht Mitglied einer bestimmten Gruppe ist. Das gegenteilige Verfahren, den Aussenseiter zu bevorzugen ist eine epistomologisch genauso unhaltbare Position. Payne dazu: „Die zeitgenössische Tendenz in den Religionswissenschaften den Insider zu bevorzugen ist ihrerseits vom romantischen Topos der persönlichen Erfahrung als unbezweifelbar und unwiderlegbar geprägt.“
  3. Der Auschluss des Unerwarteten: Was nicht der Erwartung entspricht, wird ausgeklammert. Payne gibt als Beispiel die zentrale Stellung des Zen im japanischen Buddhismus wie sie von D.T. Suzuki dargestellt wird. Jeder Anhaltspunkt, der  diese Zentralität in Frage stellt wird missachtet. Dies schlägt sich in bestimmten Ausdrücken wieder – z.B. der vom „Zen-Garten“. Diese Gärten gibt es in zwar in allen möglichen Tempeln Japans – diese  bestimmte Form von Garten wird jedoch als Zeichen für den Einfluss des Zen auf die japanische Kultur und als Ausdruck der Essenz japanischer Religion genommen.
  4. Die Maskierung des Handelnden: In Sätzen wie „Der Buddhismus sagt“ oder „Im Zen heisst es“ wird ein Handelnder/Sprecher vorgetäuscht den es nicht gibt. Buddhismus oder Zen sind keinen handelnden Personen. Sie können nicht sagen, propagieren, kundtun oder feststellen. Der eigentliche Sprecher kaschiert damit seinen Rolle als der Autor des Gesagten. Tatsächlich ist er verantwortlich für das was er sagt. Durch diese Maskierung können Behauptungen auch als unwiderlegbar oder unausweichlich erscheinen
  5. Das Matrix-Model der Religion: Ein Verfahren alle Religionen mit einer Liste der selben Charakteristika zu beschreiben. Ebenfalls ein Verfahren der Reduktion, d.h. der Vereinfachung, das eine Selektion von Kriterien voraussetzt und damit für Projektion anfällig ist.
  6. Die Macht des Fragenden: Die Person die die Fragen stellt, bestimmt die Antworten. Fragen beinhalten Annahmen, die Antworten beeinflussen. Beispiel: Was ist die Buddhistische Sichtweise in Bezug auf Abtreibung? Dies beinhaltet die Annahme, daß es eine buddhistische Meinung zu diesem Thema gibt (und daß diese von allen Buddhisten geteilt werden sollte). Die vorausgesetzte Annahme ist, daß Buddhisten sozial engagiert sein sollten.
  7. Die Selektivität des Autors: Die Kontrolle des Autors über die Form der Präsentation des Buddhismus. Über die  impliziten Annahmen in den Fragen hinaus, wird mit einer bestimmten Auswahl an Texten zu ihrer Beantwortung das mögliche Bild des Buddhismus weiter beeinflusst.

Jeder buddhistische Diskurs kann durch Anwendung solcher Begriffswerkzeuge auf seine nicht ohne weiteres sichtbaren bestimmenden Regeln durchleuchtet werden. Eine solche kritische Denkarbeit ist, meiner Meinung nach (M.St.), eigentliche Praxis.

Vergleiche hierzu auch: Über den Glauben Säkularer Buddhisten

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Jayarava’s Raves: Warum verlieben sich Dummköpfe?

Link: Jayarava’s Raves: Why Do Fools Fall in Love?

Relevanz: Jayavara erklärt einige Verhaltensweisen von Buddhisten in dem er sie mit Liebenden vergleicht.

Inhalt: Ausgehend vom Palikanon erklärt Jayavara, dass der erste Schritt zum Buddhisten vergleichbar sei mit einem Sich-Verlieben. Das Bild des Liebenden benutzt er dann um einige Verhaltensweisen von Buddhisten heute zu erklären. Liebe mache einen eifersüchtig und besitzergreifend. Dies würde den Stolz von Buddhisten auf ihre Lehrabstammung, ihre Texte und ihre Tradition erklären. Die Liebe zu einem Prinzip, einer abstrakten Idee vermeide die Enttäuschung (Nebenbemerkung: großartiges deutsches Wort Ent-täuschung), die bei der Liebe zu einer (unerleuchteten) Menschen unvermeidbar sei. Zusätzlich würde Liebe die Art und Weise verändern wie wir Informationen (Fakten) verarbeiten. Ähnlich wie in der Relativitätstheorie die Masse den Raum krümmt, so krümme die Liebe den Raum der Vernunft.

In der oft zitierten Metapher aus der Aladgadūpama Sutta ist das Dhamma das Floß das wir verlassen müssen wenn wir die andere Seite erreichen. Unglücklicherweise wird das Dhamma für viele Menschen eher ein Mahlstein, der uns davon abhält überhaupt abzulegen, geschweigedenn die andere Seite zu erreichen

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Thanissaro Bhikkhu: The Roots of Buddhist Romanticism

Das Essay bei Access to Insight

Relevanz: Der Text geht darauf ein wie der Buddhismus im Westen über Ideen aus der Romantik präsentiert wird und fordert diese Einflüsse transparent zu machen und letztendlich zu beseitigen.

Inhalt: Der Text beschreibt den starken und gleichzeitig verdeckten Einfluss der westlichen Psychologie auf die westliche Art den Buddhismus zu verstehen. Diese wiederum sei stark von den Denkern der deutschen Romantik beeinflusst. Ideen wie Intersein, Ganzheit, Egotranszendenz würden letztlich aus der deutschen Romantik stammen und weniger aus dem Buddhismus.

Die Romantiker erkannten als erste die Probleme der Moderne, das Gefühl der Fragmentierung, Isolation und Einengung. Ihre Kur sei der kreative künstlicher Akt, Spontantität, Spielhaftigkeit und Einssein. Bis Heute würde der Buddhismus unter diesem Licht betrachtet.

Eigentlich hätte der Buddhismus allerdings eine völlig andere Auffassung davon was das Problem und schlieslich auch die Lösung sei. So würde der Buddhismus z.B. durch Ethik und Tugend ein Gefühl von selbst stärken und das Empfinden von Einssein (Jhana) sei nicht das Ziel sondern nur der Weg. Dieser Weg hätte, im Gegensatz zur Vorstellung der Romantik und der heutigen Psychologie ein erreichbares Ziel (Erleuchtung). Dieses bestünde aber nicht im Transzendieren von Dualitäten, sondern im Erlangen von Wissen.

Der Romantiker, so Thanissaro Bhikkhu, würde Erfüllung dadurch erlangen, dass er eine Antwort findet auf die Frage „Was ist meine wahre Identität?“. Der Buddhist hingegen erwache zum Verständnis, dass diese Frage bereits falsch gestellt sei.

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Tempelschlaf

Relevanz: Literatur. Sonntag Mittag in der Laube oder vor dem einschlafen der/dem Liebsten vorlesen.

Ralf  Rothmann ist einer der wirklich fähigen zeitgenössischen deutschen Erzähler. Er fängt Situationen auf eine  sehr genau und klare Art ein. Es sind Details die ein Situation ausmachen. Details die man nur ganz persönlich so wahr nimmt. Wenn man seine Erzählungen liest, sieht man etwas, wie wenn man etwas persönlich erlebte. Das macht wohl einen guten Erzähler aus – diese Form der Phänomenologie, die im Bewusstsein des Lesers eine Form des Selbst Erlebens entstehen oder etwas wie eine klare Erinnerung wirken lässt.

Im Tempelschlaf erinnert man sich in diesem Sinne an ein kleines japanischen Zenkloster. David ist Religionswissenschaftler und mit seiner Frau Marisa auf einer Vortragsreise durch Japan. Er kommt auf die verwegene Idee einige Tage in einem  Zenkloster  zu verbringen. Rothmanns Schilderung ist weder sympathisierend noch idealisierend oder desillusionierend. Sie ist genau, lehrreich, humorvoll, überraschend. Sie enthält eine wunderbare Schilderung einer langen Zazen-Sitzung, eines kleinen Sartoris zum Abschluss als der Gong ertönt und schliesslich eine unerwartete Wendung mit der die Erzählung schließt.

Die Erzählung Tempelschlaf findet sich in Ralf Rothmanns Shakespeares Hühner, erschienen bei Suhrkamp.

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Rick Heller: Occupy the Moment!

Website zum Buch

Relevanz: Rick Heller beschreibt in diesem E-Book psychologische/biologische Sachverhalte, die zur Schädlichkeit (z.B. Umweltzerstörung) des Ökonomischen Systems beitragen und erklärt inwiefern buddhistische Praktiken wie Achtsamkeit dabei helfen können, diese Verhaltensweisen zu überwinden.

Inhalt: Das Buch erklärt anhand von verschiedenen Beispielen, wie ursprünglich sinnvolle psychologische Mechanismen zu übertriebenem Konsum und einer zerstörerischen Wirtschaft führen. Achtsamkeit könne dabei helfen mit diesen Verhaltensweisen bewusster umzugehen.

So stelle das Streben nach höherem relativen Status zwar oft einen wichtigen Antrieb dar, sei aber weder für die Gesellschaft ein Gewinn, da andere dadurch relativ abgewertet würden (Nullsummenspiel) noch für das Individuum ein Zugewinn an Glück, da sich die Vergleichsgruppe ebenfalls verändere. Die fehlende Sättigung herbei könne dann eben zu einer verschwenderischen Wirtschaft und zu übertriebenem Überkonsum beitragen.

Achtsamkeit könne nun dabei helfen, sich der biologisch-bedingten Reaktionsweisen bewusst zu werden und damit besser umzugehen. Zudem könne ein Konsum mit Achtsamkeit ähnlich viel Freude im Augenblick erzeugen bei geringerem Verbrauch. Z.B. in dem Achtsamkeit Gewöhnungseffekten entgegen wirkt und so bereits bekannte Dinge „wie neu“ empfunden werden.

Das ganze unterfüttert Rick Heller mit Erkenntnissen der Neuro-Wissenschaften und der Psychologie/Biologie. Dabei belässt er es bei einfachen und leicht-verständlichen Erklärungen, ohne zu sehr zu vereinfachen. So differenziert er z.B. zwischen „Glück im Moment“ und genereller Lebenszufriedenheit und weisst auf die prinzipielle Nützlichkeit vieler Mechanismen hin, anstatt sie zu verteufeln. Zusätzlich hält als Humanist genug Distanz zur buddhistischen Lehre, z.B. in dem er nicht unterschlägt, dass bis zu einem gewissen Wohlstand mehr Einkommen sehr wohl die Lebenszufriedenheit erhöht.

Ergänzt wird das ganze durch Meditations- oder Achtsamkeitsübungen, die wie üblich am Ende der Kapitel stehen und auch inhaltlich wenig Neues bringen. Eine Ausnahme stellt vielleicht das achtsame Lesen eines Magazins dar, das die Auswirkung von Werbung auf unsere Psyche bewusst machen soll.

Materialien zum Neobuddhismus: Soka Gakkai in Amerika

Der Aufsatz Soka Gakkai in Amerika von Alois Payer beschreibt die Soka Gakkai USA in einem kurzen geschichtlichen Abriss und geht auf den Konflikt der früheren Laienorganisation der Nichiren Shoshu mit den Priestern des Taiseki-ji ein, die zur Exkommunikation führten. Der Aufsatz ist in Deutsch. Verschiedene Quellentexte sind auf Englisch. Ein sehr informativer Aufsatz wie ich finde. Aufschlussreich finde ich die Soziologie der Mitglieder und die Erhebung der Absicht beim Chanten.

1. Einleitung
2. Weiterführende Ressourcen
3. Gesamtschau
3.1. Daisaku Ikeda
3.2. Religiöses Leben eines japanischen Mitglied der Soka Gakkai um 1969
3.3. Geistliche und Laien: vom Konflikt zum Schisma
3.4. Predigt des Obergeistlichen von Nichiren Shoshu gegen Soka Gakkai
4. NSA — Nichiren Shoshu Academy/America
4.1. Masayasu Sadanaga = George Williams
4.2. Hiroe Clowe und The Seattle Incident 1963
5. SGI-USA
5.1. Selbstdarstellung
5.2. Motivation zur Mitgliedschaft
5.3. Zur Soziologie der Mitglieder
6. Ereignisse

Absicht beim „Chanting“ (Mehrfachnennungen waren möglich) (in Klammer: Prozentsatz derer, die durch Chanting ein solches Ziel ereicht zu haben glauben):

19% finanzieller Erfolg (5%)

21% andere materielle Güter (neues Haus, Auto usw.) (1%)

13% psychisches Wohlbefinden (50%)

27% Gesundheit (12%)

48% Berufserfolg (6%)

40% bessere persönliche Beziehungen (16%)

2% Erleuchtung, Glaube (12%)

6% Karma, der Neue Mensch (25%)

2% Weltfrieden

via Materialien zum Neobuddhismus: Soka Gakkai in Amerika.

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Über den Glauben der Säkularen Buddhisten

Glenn Wallis: On the Faith of Secular Buddhists

Relevanz: Artikel über die dem Säkularen Buddhismus nach Stephan Batchelor zu Grunde liegend Glaubenssätze. Hypothese: Diese Glaubenssätze seien in der Tat derart, daß der Säkulare Buddhismus „ununterscheidbar wird von allen anderen Formen religiösen Glaubens.“ Zum Hintergrund ist ein Verständnis des Spekulativen Non-Buddhismus wichtig; siehe dazu diesen Text: Nascent Non-Buddhism (eine Übersetzung des Textes wird beim Unbuddhisten erscheinen). Wallis bezieht sich auf diesen Text von Stephan Batchelor: A Secular Buddhist. Wichtiger Beitrag zur Diskussion im deutschsprachigen Raum zur Frage, „wie weiter mit dem Buddhismus?“ und insbesondere ,ob der Säkulare Buddhismus in der Form wie ihn Stephan Batchelor präsentiert eine Lösung ist. Vergleiche auch den vorhergehenden Artikel „SBA/STEPHEN SCHETTINI: “SO WHAT?”

Inhalt: Es werden „Fünf Glaubensartikel“ heraus gestellt, die den Säkularen Buddhismus definieren.

  1. Der Transzendentale Dharma: Der Dharma ist nicht zusammen gesetzt. Er ist ein zeitloses Produkt das uns hier und heute über die „letztendlich wichtigen Belange“ aufklärt. Tatsächlich sei „Der Dharma“ aber eine „transzendente Norm die sich in allen Varianten des Buddhismus zeigt, egal ob säkular-wissenschaftlich oder selbstverliebt hingebungsvoll, eine Norm die sich nicht von anderen universellen Verabsolutierungen unterscheidet, sei es Gott, Logos, Dao oder das Intelligente Design.
  2. Der Buddha: Stephen Batchelor unternimmt es den wahren Buddha als einen großen menschlichen Meister aus dem Palikanon heraus zu kristallisieren. Tatsächlich sei aber der Fall, daß jegliche historische Sicherheit, daß jemals diese idealisierte Figur existierte zur Karikatur verkomme. „Die Darstellung des Buddha im klassischen Palikanon ist ein Gebräu verschiedener kollektiver Vorstellungen, die im Verlauf mehrerer Jahrhunderte ihre Finger bei der Herausbildung des Kanons im Spiel hatten.“
  3. Besondere Lehren: Der Buddha habe der Menschheit ganz besondere Lehren übergeben. Batchelor extrahiert vier solcher Lehren aus dem Palikanon: Das Prinzip der Bedingtheit; der Prozess der Vier Noblen Wahrheiten; die Praxis der Achtsamkeit; die Kraft des Selbstvertrauens. Tatsächlich aber machen diese vier Besonderheiten den Buddhismus nach Wallis‘ Auffassung endgültig entbehrlich. „Alle vier wurden und werden im Verlauf der Geschichte formuliert und weiter entwickelt, und zwar in einer Art die bei weitem höher entwickelt ist, und damit auch einem modernen Publikum zugänglicher, als in einem  altertümlichen, asketischen Buddhismus.“
  4. Das Prinzip der zureichenden Buddhismus: Diese Prinzip besagt kurz und bündig, daß man nichts ausser dem Buddhismus benötigt und es (ver)führt zur Annahme der unter Punkt drei aufgeführten besonderen Lehren . Für Batchelor scheint diese Prinzip ausgemachte sache zu sein. Tatsächlich aber ist es ein Ausschluss aller anderen jemals von der Menschheit gemachten Entdeckungen und Entwicklungen.
  5. Ideologische Rechtschaffenheit: Der Säkulare Buddhismus geriert sich als eine offene Ideologie, die nichts zu verbergen hat. Der Säkulare Buddhismus sei, nach Batchelor, natürlich, empirisch, pragmatisch und stimme mit der Wissenschaft überein. Weiter sei er eine offensichtliche Tätigkeit und keine stillschweigende Überzeugung. Er stellt sich als dar als eine offene Ideologie die nichts verbirgt. Die (impliziten) Postulate des Säkularen Buddhismus, Punkte 1 bis 4 , zeigen aber, daß dem nicht so ist. D.h. der Säkulare Buddhismus geht von transzendenten Annahmen aus, die er nicht als solche deklariert. Der Entscheidende Unterschied zwischen einer tatsächlichen und einer vorgeblichen Rechtschaffenheit ist aber gerade der das erstere ihre Ideologie offenlegt und freimütig bekennt.

Wallis‘ abschliessendes Urteil: „Batchelor tut genau das, von dem er vorgibt es nicht zu tun: Er unternimmt die nächste modernistische Neukonfiguration einer traditionellen asiatischen Form des Buddhismus.“

Ich teile die Überzeugung, daß wir eine radikale neue Form des Denkens und der Praxis für unsere Zeit benötigen. Ich denke deshalb, daß es ein reichlich unglückliches Unterfangen ist, mit dem Säkulare Buddhisten daran gehen aus dem schwankenden und morschen Wrack eines altertümlichen Gefährtes namens Buddhismus vermeintlich brauchbare Teile zu bergen.

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SBA/Stephen Schettini: „So What?“

Stephen Schettini: „So What?“

Relevanz: Der Artikel setzt sich mit der Kritik auseinander auch säkularer Buddhismus sei ein Buddhismus mit Glaubenssätzen. Entgegen der Erwartung entkräftet der Artikel den Vorwurf nicht, sondern gesteht ein die Suche nach der Wahrheit im Zweifel hinten anzustellen.

Inhalt: Stephen Schettini reagiert mit dem Artikel auf den Artikel On the Faith of Secular Buddhists (Zusammenfassung hier). Dort legt Glenn Wallis dar, dass auch säkularer Buddhismus nach Stephen Batchelor – entgegen seiner Selbstdarstellung („Buddhismus für Ungläubige“) – nicht ohne Glaubenssätze auskommt. So stütze der säkulare Buddhismus sich z.B. immer noch auf die Aussagen Buddhas, die er meint aus den historisch beeinflussten Texten extrahieren zu können.

Stephen Schettini gesteht nun sämtliche Kritikpunkte ein, stellt diese aber als letztlich irrelevant dar. Die von Glenn Wallis und den speculative Non-Buddhists gemachten Aussagen seien zwar wahr, aber es ginge im säkularen Buddhismus eben nicht (nur) um die Wahrheit. Die Suche nach selbiger würde nur davon ablenken ein Leben voll Glück und Mitgefühl zu führen.

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Geschichte des Buddhismus in Deutschland

Buddhismus in Deutschland – Geschichte und Gegenwart

Relevanz: Sachlicher, weltanschaulich neutraler Abriss der Geschichte des Buddhismus in Deutschland seit dem Ende des 19. Jahrhunderts bis 1997.  Gibt einen guten Überblick. Beschreibt die Charakterzüge unterschiedlicher Phasen. Gibt Zahlen, Daten, Namen. Gute Grundlage für weitere Recherchen.

Inhalt: Autor ist Dr. Martin Baumann. Autor der Studie „Deutsche Buddhisten“, 2. erw. Aufl., Marburg 1995.

Phasen der Buddhismusrezeption in Deutschland

  • Schopenhauer. Durch seine Philosophie kamen viele Gelehrte der Zeit, Akademiker, Künstler und Intellektuelle, mit dem Buddhismus in Berührung. Indologie und erste Übersetzungen von buddhistischen Texten kamen hinzu.
  • 1880 bis Ende Erster Weltkrieg. Vornehmlich akademisch, philosophisch-ethisches Interesse an der buddhistischen Lehre. Paul Carus (1852-1919), Dr. Karl Eugen Neumann (1865-1915) kommen über Schopenhauer und reines Textstudium erster allgemeiner Darstellungen in den frühen 1880er Jahren zum Buddhismus. 1903 gründet der Leipziger Privatgelehrte Dr. Karl Seidenstücker (1876-1936) die erste buddhistische Organisation, den Buddhistischen Missionsverein in Deutschland (Leipzig).
  • 1918 bis 1933. Eine ausdrücklich „religiöse“ Bewegung entsteht. Um den Juristen Georg Grimm (1868- 1945) und den Arzt Dr. Paul Dahlke (1865-1928) bildeten sich Gruppen. Grimms „Altbuddhistische Gemeinde“ versteht sich ausdrücklich als „religiöse Gemeinschaft“. Dahlke erbaut 1924 das noch heute in Berlin-Frohnau existente Buddhistische Haus. Buddhismus ist für ihn eine  „Wirklichkeitslehre“, die in einer asketischen und quasi monastischen Lebensweise gelebt wird. Bis zu diesem Zeitpunkt wird ausschliesslich der Palikanon rezipiert.
  • Nach dem Dritten Reich bis in die 1960er. Eugen Herrigels „Zen in der Kunst des Bogenschießens“ (1948) und Daisetz Suzukis Abhandlungen weckten breites Interesse am Zen-Buddhismus. Gründung des europäischen Zweiges des Ordens „Arya Maitreya Mandala“ (AMM) 1952 in Berlin. Der AMM geht auf den deutschen Lama Anagārika Govinda (Ernst Lothar Hoffmann, 1898-1985) zurück. Gründung der Shin-buddhistischen Gruppe Jôdo Shin-Shû“ 1956 in Berlin. Die Sôka Gakkai aus Japan kommen ab den 1960er Jahren nach Deutschland.
  • Ab Mitte der 1960er Jahre Schwerpunktverschiebung von einer denkerischen Rezeption hin zur Betonung der Meditation im Zusammenhang mit der Entstehung einer antibürgerlichen Kultur. Hesses „Siddharta“ (1922) popularisiert indische Philosophie. Ab den 1980er Jahren Boom des tibetischen Buddhismus. Spätestens ab den 90er Jahren ist der Buddhismus im ‚Mainstream‘ angekommen. Die breite Öffentlichkeit beginnt ihn über Massenmedien zu rezipieren. Buddhistische Meditationspraktiken, Ideen und Lebensformen wurden in den Medien hochstilisiert.

Bauman gibt dann Zahlenmaterial über Verteilungen und Zuwachs verschiedener Richtungen. Er benennt wichtige Persönlichkeiten und Institutionen die die Entwicklung beeinflusst haben. Abschliessend diskutiert er die verschiedenen Motivationsstränge die jeweils zu einem Interesse an Buddhismus führten.

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