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Werkzeuge der Kritik

Relevanz: Begriffswerkzeuge zur Untersuchung buddhistischer Aussagen auf ihr bedingtes Entstehen hin.

Inhalt: Richard K. Payne  ist u.a. Dekan am Institut für  Buddhistische Studien Japans am Institut für Buddhistische Studien Berkeley. In seinem Blogeintrag Pedagogic reflections: critical tools gibt er eine Liste von Werkzeugen für kritisches Denken nicht nur aber auch über den Buddhismus. Die Begriffe eignen sich dazu, den Hintergrund einer Argumentation und damit die Basis auf der sie aufgebaut ist besser zu verstehen. Das kann unter Umständen zur Erkenntnis führen, daß eine gegebene Argumentation nicht die Gültigkeit hat die ihre zunächst zugesprochen wird. Payne sagt in diesem Zusammenhang, daß „kritisches Denken als ein Art mentales Yoga gesehen werden kann – das Erlernen der Fähigkeit bewusste Kontrolle über den Prozess des Denkens zu übernehmen.“

Seine Begriffswerkzeuge sind die folgenden:

  1. Die Autorität der Herkunft: Im Buddhismus wird das am Beispiel des Palikanons sichtbar. Er wird oft als diejenige Quelle betrachtet die den Buddhismus am ‚originalsten‘ repräsentiert. Bei näherer Untersuchung stellt sich jedoch heraus, daß im Palikanon ganz verschiedene Erzählungen über den Buddha und den Buddhismus gelesen werden können. Der Verweis auf die „Autorität der Herkunft“ ist also unter Umständen ein Mittel der Reduktion um in der Vielzahl der Interpretationsmöglichkeiten zu einer einfachen Lösung zu kommen.
  2. Den Insider privilegieren: Eine Interpretation wird nur deshalb vorgezogen, weil derjenige der sie ausspricht Mitglied einer bestimmten Gruppe ist. Das gegenteilige Verfahren, den Aussenseiter zu bevorzugen ist eine epistomologisch genauso unhaltbare Position. Payne dazu: „Die zeitgenössische Tendenz in den Religionswissenschaften den Insider zu bevorzugen ist ihrerseits vom romantischen Topos der persönlichen Erfahrung als unbezweifelbar und unwiderlegbar geprägt.“
  3. Der Auschluss des Unerwarteten: Was nicht der Erwartung entspricht, wird ausgeklammert. Payne gibt als Beispiel die zentrale Stellung des Zen im japanischen Buddhismus wie sie von D.T. Suzuki dargestellt wird. Jeder Anhaltspunkt, der  diese Zentralität in Frage stellt wird missachtet. Dies schlägt sich in bestimmten Ausdrücken wieder – z.B. der vom „Zen-Garten“. Diese Gärten gibt es in zwar in allen möglichen Tempeln Japans – diese  bestimmte Form von Garten wird jedoch als Zeichen für den Einfluss des Zen auf die japanische Kultur und als Ausdruck der Essenz japanischer Religion genommen.
  4. Die Maskierung des Handelnden: In Sätzen wie „Der Buddhismus sagt“ oder „Im Zen heisst es“ wird ein Handelnder/Sprecher vorgetäuscht den es nicht gibt. Buddhismus oder Zen sind keinen handelnden Personen. Sie können nicht sagen, propagieren, kundtun oder feststellen. Der eigentliche Sprecher kaschiert damit seinen Rolle als der Autor des Gesagten. Tatsächlich ist er verantwortlich für das was er sagt. Durch diese Maskierung können Behauptungen auch als unwiderlegbar oder unausweichlich erscheinen
  5. Das Matrix-Model der Religion: Ein Verfahren alle Religionen mit einer Liste der selben Charakteristika zu beschreiben. Ebenfalls ein Verfahren der Reduktion, d.h. der Vereinfachung, das eine Selektion von Kriterien voraussetzt und damit für Projektion anfällig ist.
  6. Die Macht des Fragenden: Die Person die die Fragen stellt, bestimmt die Antworten. Fragen beinhalten Annahmen, die Antworten beeinflussen. Beispiel: Was ist die Buddhistische Sichtweise in Bezug auf Abtreibung? Dies beinhaltet die Annahme, daß es eine buddhistische Meinung zu diesem Thema gibt (und daß diese von allen Buddhisten geteilt werden sollte). Die vorausgesetzte Annahme ist, daß Buddhisten sozial engagiert sein sollten.
  7. Die Selektivität des Autors: Die Kontrolle des Autors über die Form der Präsentation des Buddhismus. Über die  impliziten Annahmen in den Fragen hinaus, wird mit einer bestimmten Auswahl an Texten zu ihrer Beantwortung das mögliche Bild des Buddhismus weiter beeinflusst.

Jeder buddhistische Diskurs kann durch Anwendung solcher Begriffswerkzeuge auf seine nicht ohne weiteres sichtbaren bestimmenden Regeln durchleuchtet werden. Eine solche kritische Denkarbeit ist, meiner Meinung nach (M.St.), eigentliche Praxis.

Vergleiche hierzu auch: Über den Glauben Säkularer Buddhisten

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Die Irrationalität der Irrationalität: Das Paradox der Populärpsychologie

  • Relevanz: Es geht um eine grundsätzliche Verzerrung in der menschlichen Entscheidungsfindung. Wir sind kaum in der Lage alle Fakten sorgfälltig abzuwägen. Wir verlassen uns eher auf eine knackige Geschichte. (Das BILD-Syndrom)
  • Inhalt: Probanden werden mit allen Details einer strittigen Angelegenheit vertraut gemacht, in der sich zwei Auffassungen gegenüber stehen. Anschließend hören sie zusätzlich die Auffassung eines Vertreters einer Seite. Es zeigt sich, daß die Probanden dazu neigen, dieser zuletzt gehörten Auffassung zu folgen, obwohl sie zuvor alle Details präsentiert bekommen haben. Es scheint erwiesen zu sein, daß Menschen sich an gut erzählten Geschichten eher orientieren als an umfassenden Faktensammlungen. Selbst Präsentationen, daß wir uns derart verhalten, können dieses heuristische Verhalten nicht ohne weiteres kompensieren. Es ist natürlich für uns, komplexe Sachverhalte in leichter verdauliche Stücke zu zerlegen. Ein Teil der Lösung ist, sich mit der Auffassung der Gegenseite vertraut zu machen. Man sollte, auch wenn es unbequem ist, sich auf die Argumente der Gegenseite einlassen:

Hör gut zu; analysiere Argumente logisch; vermeide vorschnelle Konklusionen; verlasse dich nicht zu sehr auf Geschichten. Euripides hat es so formuliert: Hinterfrage alles, lerne etwas, beantworte nichts.

Why We Reason

Here’s my latest on ScientificAmerican.com 

In 1996, Lyle Brenner, Derek Koehler and Amos Tversky conducted a study involving students from San Jose State University and Stanford University. The researchers were interested in how people jump to conclusions based on limited information. Previous work by Tversky, Daniel Kahneman and other psychologists found that people are “radically insensitive to both the quantity and quality of information that gives rise to impressions and intuitions,” so the researchers knew, of course, that we humans don’t do a particularly good job of weighing the pros and cons. But to what degree? Just how bad are we at assessing all the facts?

To find out, Brenner and his team exposed the students to legal scenarios. In one, a plaintiff named Mr. Thompson visits a drug store for a routine union visit. The store manager informs him that according to the union contract with the drug store…

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Thomas Metzinger über Spiritualität & Intellektuelle Redlichkeit

Relevanz: In Form und Inhalt exemplarischer Vortrag der zeigt was erkenntnistheoretisches Denken ausmacht. Inhaltlich zeigt er, daß es eine Verpflichtung zur Intellektuellen Redlichkeit gibt.

Inhalt: Thomas Metzinger, Professor für theoretische Philosophie, Universität Mainz, geht in diesem Vortrag drei Fragen nach.

  1. Was  ist  das  Spiritualität?
  2. Was  ist  intellektuelle  Redlichkeit?
  3. Gibt   es   eine   begriffliche   Verbindung   zwischen   den   beiden   Einstellungen?

Er kommt dabei zu überraschenden Einsichten – jedenfalls wenn man bedenkt, was heute umgangssprachlich mit dem Begriff Spiritualität verbunden wird. Die erste Frage etwa beantwortet er, nach sorgfältiger Herleitung so: „Spiritualität also ist eine epistemische Einstellung. Spirituelle Personen wollen nicht glauben, sondern wissen.“ Spiritualität ist „eine radikal existentielle Form von Selbsterkenntnis“. Dabei ist „Unbestechlichkeit […] der semantische Kern eines wirklich philosophischen Begriffs der Spiritualität.“ 

„Unbestechlichkeit brauchen wir in zwei Richtungen: gegenüber den Vertretern metaphysischer Glaubenssysteme, die die Meditationspraxis an eine irgendwie auch immer geartete Theorie zu binden versuchen, wie auch gegenüber den ideologischen Formen des Reduktionismus, die alle nicht-­wissenschaftlichen Formen des Erkenntnisgewinns aus rein weltanschaulichen Gründen diskreditieren möchten.“

Interessant ist zu sehen, wie sorgfältig er seine Argumentation aufbaut. Er stellt nicht etwa einfach Behauptungen in den Raum, sondern er argumentiert. Wie kommt er zu seiner Auffassung von Spiritualität als „radikaler Selbstkenntnis“? „Intellektuelle Redlichkeit bedeutet, dass man einen bedingungslosen Willen zur Wahrheit und zur Erkenntnis besitzt und zwar auch dann, wenn es um Selbsterkenntnis geht und auch dann, wenn Selbsterkenntnis einmal nicht mit schönen Gefühlen einhergeht.“ Diese Redlichkeit ist nach Metzinger zwingend. Er leitet das über den Kant’schen Moralbegriff her, nach dem „der  Mensch,  als  moralisches  Wesen,  sich  selbst  gegenüber  zur   Wahrhaftigkeit  verpflichtet ist.“

Er zeigt außerdem das in der abendländischen Philosophietradition ein starker Zusammenhang zwischen Bewusstsein und Gewissen besteht. Darüber hinaus zeigt er, daß der Begriff vom Bewusstsein dasjenige bezeichnet, das erkennt, daß es denkt. D.h. es gibt einen Zusammenhang zwischen einer meditativen Übung die den Blick auf das eigene Bewusstsein schärft und einem Gewissen, das mit diesem Bewusstsein notwendig verbunden ist (jedenfalls nach Kant). Die Pflicht zur Einübung einer intellektuellen Redlichkeit wird damit zur Voraussetzung einer Spiritualität der radikalen Selbsterkenntnis.

Der Zusammenhang der beiden Begriffe, 3. Frage, besteht darin, daß die intellektuelle Redlichkeit keine Annahmen mehr zulassen kann, die auf Dogmatismus oder Fideismus beruhen.

„Fideismus“  nennt  man  in  der  Philosophie  die  These,  dass  es  völlig  legitim  ist,  an  einer  Überzeugung   festzuhalten,  wenn  es  keine  guten  Gründe  oder  Evidenzen  für  sie  gibt,  sogar  Gegenargumente.“

Und weiter:

„Wenn man sich in vollständiger Abwesenheit positiver theoretischer oder praktischer Gründe gestattet, einfach an einem bestimmten Glauben festzuhalten, dann hat man die ganze Idee einer Ethik des inneren Handelns bereits aufgegeben.“

Metzinger wendet dann seine Argumentation auf drei Bereiche an, die auch den Buddhismus betreffen.

  1. Religion, Gott. 2. Leben nach dem Tod. 3.Erleuchtung

Bei allen dreien kommt er zu dem Schluss, daß sie aus begrifflicher und empirischer Perspektive nicht haltbar sind.

Zum Abschluss bekräftigt er drei Thesen.

  1.  Das Gegenteil von Religion ist nicht Wissenschaft, sondern Spiritualität.
  2. Das ethische Prinzip der intellektuellen Redlichkeit kann man als einen Sonderfall der spirituellen Einstellung analysieren.
  3. Die wissenschaftliche und die spirituelle Einstellung entstehen in ihren Reinformen aus derselben normativen Grundidee.

Die normative Grundeinstellung hat zwei Aspekte:

„Der unbedingte Wille zur Wahrheit -­ es geht um Erkenntnis, nicht um Glauben -­ und das normative Ideal der absoluten Wahrhaftigkeit. […] [I]n der reflexiven Wendung nach innen, in der Wendung des Willens zur Wahrheit auf sich selbst, auf den Vorgang des Wissenwollens und des Erkenntnissuchens selbst entsteht dann die Spiritualität, die spirituelle Einstellung und aus ihr heraus die intellektuelle Redlichkeit, und die ist der Kernbestand der wissenschaftlichen Methode, der selbstkritische Rationalismus.“

So gesehen ist Spiritualität tatsächliche das Fundament.

Link pdf „Spiritualität und Intellektuelle Redlichkeit“

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