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Thomas Metzinger über Spiritualität & Intellektuelle Redlichkeit

Relevanz: In Form und Inhalt exemplarischer Vortrag der zeigt was erkenntnistheoretisches Denken ausmacht. Inhaltlich zeigt er, daß es eine Verpflichtung zur Intellektuellen Redlichkeit gibt.

Inhalt: Thomas Metzinger, Professor für theoretische Philosophie, Universität Mainz, geht in diesem Vortrag drei Fragen nach.

  1. Was  ist  das  Spiritualität?
  2. Was  ist  intellektuelle  Redlichkeit?
  3. Gibt   es   eine   begriffliche   Verbindung   zwischen   den   beiden   Einstellungen?

Er kommt dabei zu überraschenden Einsichten – jedenfalls wenn man bedenkt, was heute umgangssprachlich mit dem Begriff Spiritualität verbunden wird. Die erste Frage etwa beantwortet er, nach sorgfältiger Herleitung so: „Spiritualität also ist eine epistemische Einstellung. Spirituelle Personen wollen nicht glauben, sondern wissen.“ Spiritualität ist „eine radikal existentielle Form von Selbsterkenntnis“. Dabei ist „Unbestechlichkeit […] der semantische Kern eines wirklich philosophischen Begriffs der Spiritualität.“ 

„Unbestechlichkeit brauchen wir in zwei Richtungen: gegenüber den Vertretern metaphysischer Glaubenssysteme, die die Meditationspraxis an eine irgendwie auch immer geartete Theorie zu binden versuchen, wie auch gegenüber den ideologischen Formen des Reduktionismus, die alle nicht-­wissenschaftlichen Formen des Erkenntnisgewinns aus rein weltanschaulichen Gründen diskreditieren möchten.“

Interessant ist zu sehen, wie sorgfältig er seine Argumentation aufbaut. Er stellt nicht etwa einfach Behauptungen in den Raum, sondern er argumentiert. Wie kommt er zu seiner Auffassung von Spiritualität als „radikaler Selbstkenntnis“? „Intellektuelle Redlichkeit bedeutet, dass man einen bedingungslosen Willen zur Wahrheit und zur Erkenntnis besitzt und zwar auch dann, wenn es um Selbsterkenntnis geht und auch dann, wenn Selbsterkenntnis einmal nicht mit schönen Gefühlen einhergeht.“ Diese Redlichkeit ist nach Metzinger zwingend. Er leitet das über den Kant’schen Moralbegriff her, nach dem „der  Mensch,  als  moralisches  Wesen,  sich  selbst  gegenüber  zur   Wahrhaftigkeit  verpflichtet ist.“

Er zeigt außerdem das in der abendländischen Philosophietradition ein starker Zusammenhang zwischen Bewusstsein und Gewissen besteht. Darüber hinaus zeigt er, daß der Begriff vom Bewusstsein dasjenige bezeichnet, das erkennt, daß es denkt. D.h. es gibt einen Zusammenhang zwischen einer meditativen Übung die den Blick auf das eigene Bewusstsein schärft und einem Gewissen, das mit diesem Bewusstsein notwendig verbunden ist (jedenfalls nach Kant). Die Pflicht zur Einübung einer intellektuellen Redlichkeit wird damit zur Voraussetzung einer Spiritualität der radikalen Selbsterkenntnis.

Der Zusammenhang der beiden Begriffe, 3. Frage, besteht darin, daß die intellektuelle Redlichkeit keine Annahmen mehr zulassen kann, die auf Dogmatismus oder Fideismus beruhen.

„Fideismus“  nennt  man  in  der  Philosophie  die  These,  dass  es  völlig  legitim  ist,  an  einer  Überzeugung   festzuhalten,  wenn  es  keine  guten  Gründe  oder  Evidenzen  für  sie  gibt,  sogar  Gegenargumente.“

Und weiter:

„Wenn man sich in vollständiger Abwesenheit positiver theoretischer oder praktischer Gründe gestattet, einfach an einem bestimmten Glauben festzuhalten, dann hat man die ganze Idee einer Ethik des inneren Handelns bereits aufgegeben.“

Metzinger wendet dann seine Argumentation auf drei Bereiche an, die auch den Buddhismus betreffen.

  1. Religion, Gott. 2. Leben nach dem Tod. 3.Erleuchtung

Bei allen dreien kommt er zu dem Schluss, daß sie aus begrifflicher und empirischer Perspektive nicht haltbar sind.

Zum Abschluss bekräftigt er drei Thesen.

  1.  Das Gegenteil von Religion ist nicht Wissenschaft, sondern Spiritualität.
  2. Das ethische Prinzip der intellektuellen Redlichkeit kann man als einen Sonderfall der spirituellen Einstellung analysieren.
  3. Die wissenschaftliche und die spirituelle Einstellung entstehen in ihren Reinformen aus derselben normativen Grundidee.

Die normative Grundeinstellung hat zwei Aspekte:

„Der unbedingte Wille zur Wahrheit -­ es geht um Erkenntnis, nicht um Glauben -­ und das normative Ideal der absoluten Wahrhaftigkeit. […] [I]n der reflexiven Wendung nach innen, in der Wendung des Willens zur Wahrheit auf sich selbst, auf den Vorgang des Wissenwollens und des Erkenntnissuchens selbst entsteht dann die Spiritualität, die spirituelle Einstellung und aus ihr heraus die intellektuelle Redlichkeit, und die ist der Kernbestand der wissenschaftlichen Methode, der selbstkritische Rationalismus.“

So gesehen ist Spiritualität tatsächliche das Fundament.

Link pdf „Spiritualität und Intellektuelle Redlichkeit“

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